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Die Bedeutung von Paradigmen und Weltbildern für die spirituelle Praxis

(Auszug aus dem Kapitel "Ein früheres Leben")

Im Frühjahr 2010 erinnerte ich mich an den Artikel, den ich in meiner Zeit bei Mike verfasst hatte. Darin schilderte ich, wie ich meine Sichtweise, nicht als Individuum zu existieren, nach einigen Jahren als Missverständnis erkannt hatte. Mittlerweile sah ich mich in meinen Schlussfolgerungen bestätigt und fasste den Entschluss, den Artikel zu veröffentlichen. Ich schickte eine überarbeitete Version an den Redakteur einer spirituellen Zeitschrift. Zu meiner Freude antwortete er mir, dass er meinen Bericht gerne veröffentlichen würde.

Einige Monate später klingelte das Telefon. Der Redakteur meldete sich mit aufgeregter Stimme und erklärte mir, dass eine Frau meinen Artikel in einem spirituellen Forum gepostet hätte. Unter dem Titel „Die Advaita-Falle?“ sei bereits eine lebhafte Diskussion im Gange. Ich bedankte mich und rief die Webseite auf. Zu meiner Überraschung hatte das Forum die größte Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Einige Teilnehmer begrüßten meine Schilderung; andere waren unsicher, was ich gemeint haben könnte. Nachdem ich die Argumente einige Tage verfolgt hatte, postete ich meinen ersten Beitrag. Ich betonte, wie schwierig es sei, über Advaita Vedanta zu diskutieren, weil es so viel Wahrheit in sich trage und auf Erfahrungen jenseits des Verstandes ziele. Abschließend listete ich 18 Sätze auf, die ich als die grundlegenden Annahmen der Advaita-Philosophie vorstellte.

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Reaktionen kamen. Eine Frau schrieb, dass sie durch Advaita fast ein Jahr ihren Lebensmut verloren hätte. Dadurch, dass sie jede Regung, jede Verstandestätigkeit hinterfragt hatte, war sie in eine Lähmung geraten. Ihr Meister erklärte sogar, dass dies ihr Verstand wäre, der immer etwas tun wollte. Nun sei sie allerdings dabei, sich langsam aus diesem ausgeklügelten Denksystem herauszuziehen, oft von einem schlechtem Gewissen begleitet, als würde sie Gott verraten. Zum Schluss dankte sie mir für meinen Bericht. So sehr mich ihre Antwort berührte, so betroffen machte sie mich auch. Offensichtlich war diese Frau durch ihren Lehrer zu der qualvollen Suche nach ihrem Verstand angetrieben worden, um ihr Ego zu entlarven. Da dies so jedoch nicht möglich war, hatte sie sich immer stärker blockiert und dabei auch noch schuldig gefühlt.

Der nächste Beitrag traf mich in die Magengrube. Mit deutlichen Worten führte Frank aus, dass ich keine Ahnung von Advaita hätte und meine Thesen Unsinn wären, die von angeblichen Lehrern aus der Nachfolge von Poonja verbreitet würden. Demgegenüber würden Männer wie Ramesh Balsekar das authentische Advaita verkörpern; niemand gebe hier Satsang, weil niemand da wäre. Das Ziel bestehe nicht darin, das Ego auszuschalten, zu entmachten oder zu vernichten, sondern es lediglich zu betrachten. Ich schluckte und lies seine Argumente wirken. Dann antwortete ich, dass auch meine Lehrer betont hätten, dass es nicht um aktives Tun gehe. Allerdings verwendeten sie, ähnlich wie Ramesh, das Nicht-Tun als Methode, um den Verstand anzuhalten und Einsicht zu erlangen. Sinngemäß konterte Frank, dass meine Ansichten aus einem Mix unterschiedlicher Weltbilder stammen würden und ich in einer konzeptionellen Welt verhaftet sei. Erneut ging ich auf ihn ein und setzte meine Ansichten entgegen.

So entwickelte sich im Verlauf von fünf Tagen zwischen dem Advaita-Vertreter und mir ein interessanter Austausch, bei dem es um subtile metaphysische Fragen ging. Wie ich bereits erwartet hatte, war es nicht möglich, Frank mit Argumenten aus der Ruhe zu bringen, geschweige denn zu überzeugen. Dies hatte ich auch nicht vor, sondern wollte lediglich für die Teilnehmer des Forums deutlich machen, dass es eine alternative Weltsicht zu Advaita gibt. In Bezug auf die Funktionsweise des Verstandes lagen Frank und ich nicht weit auseinander. Ich war ebenfalls der Ansicht, dass es wichtig ist, die Identifikation mit Gedanken und Selbstkonzepten zu beenden. Entsprechend seines Weltbildes nahm Frank jedoch an, dass die Desidentifikation mit Selbstkonzepten zur Einsicht führt, dass es kein individuelles Selbst gebe und alles von selbst geschehe. Demgegenüber ging ich auf der Grundlage meines Weltbildes davon aus, dass unabhängig von der Verstandesaktivität ein individuelles Selbst existiert, welches mit einem freien Willen ausgestattet ist. Über diese unterschiedlichen Annahmen und Weltbilder konnte ich mit meinem Gegenüber jedoch nicht diskutieren, sodass wir aneinander vorbeiredeten und ich die Diskussion zunehmend als frustrierend empfand.

Die Tatsachte, dass es unterschiedliche Weltbilder gibt, bedeutet im Übrigen nicht, dass man sich seine Methoden zur Selbsterforschung beliebig aussuchen könnte. Wenn man Methoden praktiziert, die zu einem Advaita-Weltbild gehören, ist es zwar möglich, das Verhältnis von Gedanken zur konzeptfreien Welt zur erkennen. Allerdings wird dadurch der Zugang zu allen Bewusstseinsebenen und -erfahrungen, die mit Individualität verbunden sind, stark eingeschränkt.

Dieser Zusammenhang ist mit dem Begriff des Paradigmas erklärbar. Mitte des letzten Jahrhunderts untersuchte der Physiker Thomas Kuhn die Abfolge naturwissenschaftlicher Entdeckungen. Er erkannte, dass die Welt keineswegs auf eine allgemeingültige und objektive Weise beschrieben werden kann, sondern dass die Praktiken und Methoden zur Beschreibung und Veränderung der Natur immer mit einem bestimmten Weltbild verknüpft waren. So besaßen die alten Griechen ein anderes Weltbild und eine andere Naturwissenschaft als die Physiker nach Isaac Newton oder Albert Einstein. Kuhn wies darauf hin, dass die metaphysischen Annahmen und Rahmenbedingungen von den jeweiligen Experten als gegeben angesehen und nicht hinterfragt werden. Für diesen Zusammenhang von Weltbild, Praxis und Expertendiskurs führte er den Begriff Paradigma ein. Überträgt man seine Entdeckung auf Religionen oder spirituelle Lehren, wird deutlich, dass auch deren Weltbilder, Werte und Praktiken auf bestimmten Annahmen aufbauen und damit von einem Paradigma gesteuert werden. Je nachdem, welches Paradigma vorliegt, führt die Praxis zu anderen Einsichten, Sichtweisen und vermutlich auch anderen Bewusstseinszuständen. Die meisten spirituellen Lehrer und Lehrerinnen haben jedoch keine Vorstellung, dass ihre Lehre auf einer Reihe metaphysischer Annahmen gründet, die die Sicht auf die Wirklichkeit prägen. Viele gehen sogar davon aus, dass sie im Besitz der Wahrheit seien.

Da es mir nicht möglich war, mit Frank über die Grundlagen unserer Weltbilder zu diskutieren, nahm mein Interesse an unserem Austausch immer mehr ab. So verabschiedete ich mich aus dem Forum mit folgenden Worten:

Deswegen halte ich es für wichtig, dass wir immer die Grundlagen einer Lehre oder Methode studieren, bevor wir sie anwenden, dass wir immer Fragen stellen, wenn unserer Erfahrungen nicht mit der Theorie zusammenpassen und dass wir für uns die Autorität bewahren, im Zweifelsfall zu gehen und einen neuen Weg zu suchen. Die eigene Reflexionsfähigkeit und Mündigkeit bewahren, darum geht es mir!

 

Quelle: Kuhn, Thomas 1997: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 2. revidierte und um das Postskriptum von 1969 ergänzte Auflage 1. Aufl. 1962, Suhrkamp Verlag

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